14.12.2014: «Mission Nordfledermaus» - positive Bilanz und Fortsetzung 2015

Nordfledermaus

Dank dem intensiven Eisatz von mehreren ehranamtlichen Helferinnen und Helfern ist es uns diesen Sommer gelungen, mehr Klarheit über die Situation der Nordfledermäuse in Neuhausen am Rheinfall zu bekommen. Neben dem Fund einer neuen Wochenstube (wir berichteten am 7. Juni) wissen wir mittlerweile auch besser Besscheid über die Jagdgebiete.

Der Höhepunkt unserer «Mission Nordfledermaus» war wohl definitiv der Fund der neuen Wochenstube im Zwischendach eines Gebäudes im Neuhauser Unterdorf (vgl. Bild ganz unten im Bericht), wo wir als Maximum am 5. Juni 55 Tiere beim Ausflug beobachten konnten. In der Folge interessierte uns, wann die Jungtiere flügge sind und sich die Wochenstube auflöst. Dazu führten wir alle paar Tage während der Abenddämmerung weitere Beobachtungen durch. So konnten wir diesen Zeitpunkt ziemlich genau ermitteln: Am 20.06. waren noch 41 Tiere ausgeflogen, am 24.06. noch 5 Tiere und ab dem 30.06. konnten wir gar keine Ausflüge mehr beobachten. Interessant war dann aber, dass ab dem 01.07. im benachbarten, aus dem Jahr 2009 bereits bekannten Quartier (nächstes Bild unterhalb), wieder Nordfledermäuse anwesend waren, wobei die Spitze mit 16 Tieren am 16.07. erreicht wurde. Es scheint also, dass die Jungtiere dieses Jahr grösstenteils zwischen dem 20. und dem 24. Juni flügge waren und sich Mütter und Jungtiere danach, wie wir das auch von anderen Fledermausarten kennen, auf andere Quartiere verteilt haben.

Nordfledermaus-Quartier 2009

Ebenso wie die Quartiersituation interessierte uns aber der Jagdlebensraum. Um mehr über den Aufenthaltsbereich der Nordfledermäuse zu erfahren, setzten wir Bat Logger ein, welche die Ortungsrufe von Fledermäusen zusammen mit dem Beobachtungsstandort automatisch aufzeichnen. Drei dieser Geräte bekamen wir verdankenswerterweise von der Stiftung Fledermausschutz zur Verfügung gestellt. Bei unserer Mitmach-Aktion am 13. Juni konnten wir das Rheinfallgebiet in der Abenddämmerung dank der Unterstützung durch fünf aktive Vereinsmitglieder auf vordefinierten Routen in drei Gruppen abgehen.

Ab diesem Zeitpunkt wurde zudem jeweils unmittelbar nach den Beobachtungen an den Quartieren mit einem am Fahrrad fixierten Bat Logger eine fixe Strecke abgefahren, die vom Neuhauser Unterdorf, vorbei beim SIG-Areal, hinunter zum Rheinfallbecken bis zum oberen Parkplatz und dann dem Rheinufer entlang zurück bis nach Schaffhausen führte. Damit wollten wir insbesondere auch herauszufinden, wann die Nordfledermäuse aus Neuhausen wegziehen.

Nachweise Nordfledermaus

Das Ergebnis der bioakustischen Aufnahmen ist in der nebenstehenden Grafik kumuliert dargestellt, d.h. jede im Verlauf des Sommers gemachte Beobachtung ist in einem Punkt dargestellt (sofern nicht überlagert). Da es sich bei den aufgezeichneten Ultraschallrufen um Ortungsrufe und nicht wie bei Vöglen um zwingend arttypische Revierrufe handelt, ist das Ergebnis der Rufanalyse nicht immer eindeutig und es kommt bei verschiedenen Fledermausarten zu Überschneidungen. Aus diesem Grund zeigt die Grafik neben den leuchtend rot dargestellten Rufen der Nordfledermaus (Eptesicus nilssonii) noch weitere Rufsequenzen, die nicht mit genügend hoher Sicherheit der Nordfledermaus zugeordnet werden können, sondern ggf. von Arten stammen, die ähnlich rufen.

Auffällig ist die klare Verteilung der Punkte: Das Vorkommen der Nordfledermaus scheint sich ganz klar auf das Rheinfallbecken und dem Rhein entlang bis etwa hinauf zum Pontonierhaus nördlich des SBB-Bahnhofs Neuhausen zu beschränken. Trotzdem die Transekte jeweils bis weit in die Stadt Schaffhausen hinein fortgeführt wurden, gab es dort keinen einzigen (eindeutigen) Nachweis. Beachtung verdient jedoch noch eine einzelne Beobachtung in Feuerthalen: Die Sequenz wurde just an dem Ort aufgenommen, an dem 2009 die Fledermausschutz-Beauftragten des Kantons Zürich, Lea Morf und Karin Widmer, anhand von Kotanalysen ein Nordfledermaus-Quartier feststellen konnten. Trotz der sorgfältigen Beratung bei der damals durchgeführten Dachrenovation mit Rekonstruktion des Spaltquartiers schienen die Tiere dieses Angebot nicht mehr anzunehmen. Aufgrund unserer Beobachtung baten wir den Besitzer jedoch erneut, sich abends auf die Lauer zu setzen - und tatsächlich konnte er am 24.07. wieder ausfliegende Tiere beobachten, wobei es wie auch bei den anderen Quartieren sehr schwer ist, die genaue Anzahl zu ermitteln. Insofern dürfen unsere Erkenntnisse zum Aufenthaltsgebiet sicher noch nicht als abschliessend betrachtet werden.

Ebenfalls beantworten konnten wir die Frage, wann die Nordfledermäuse aus Neuhausen wegziehen. 2014 war dies um den 15. August, also rund einen Monat später, wie wir dies in anderen Jahren meinen festgestellt zu haben. Ein weiteres interessantes Detail, das möglicherweise einen kleinen Mosaikstein darstellt: Genau in diesen Tagen konnten wir in Merishausen erstmals wieder Nordfledermäuse nachweisen. Wir scheinen also zumindest eine heisse Spur im Hinblick auf die Beantwortung der Frage zu haben, wohin die Nordfledermäuse jeweils verschwinden. Möglicherweise ist es gerade das Zusammenspiel der vielfältigen Landschaftstypen mit unterschiedlichen Klimabedingungen auf kleinstem Raum, das unsere Gegend für diese Fledermausart attraktiv macht. Noch ist dies aber eine reine Hypothese.

Wochenstube Nordfledermaus

Diese Beobachtungen zeigen, dass wir zwar heute bereits deutlich mehr über die Neuhauser Nordfledermäuse wissen, die Sache aber bei weitem noch nicht «im Griff» haben. Aus diesem Grund werden wir die «Mission Nordfledermaus» im Jahr 2015 fortzusetzen.

Ganz zentral ist für uns die Frage nach der Quartiersituation. Die Nordfledermäuse scheinen hochgradig von der Existenz Zwischendach-Quartieren abhängig zu sein. Genau dieser Quartiertyp ist jedoch durch die zunehmende Zahl von Gebäudehüllensanierungen bedroht. Dies zeigte sich neben dem Fall in Feuerthalen auch bereits in Neuhausen (wo seit der Renovation ein Nachweis fehlt), aber auch beim seit 2009 bekannten Quartier im Unterdorf steht bereits eine Sanierung an. Werden nicht rechtzeitig Vorkehrungen getroffen werden, um ein Miteinander der ökologischen Anliegen Energiesparen und Naturschutz zu erreichen, drohen die Nordfledermäuse über kürzer oder länger aus Neuhausen, ja vielleicht sogar aus der ganzen Region zu verschwinden. Um ein Massnahmenkonzept erarbeiten zu können, bedarf es jedoch einer grösseren Anzahl von Quartieren als wir sie heute kennen. Nur wenn wir über deren Beschaffenheit Bescheid wissen und damit über die Quartieransprüche genau Bescheid wissen, können wir brauchbare Empfehlungen im Hinblick auf Sanierungen, aber auch im Hinblick auf Neuschaffungen (z.B. an Neubauten) geben und müssen den Erfolg einer Sanierung nicht weiter mehr oder weniger dem Zufall überlassen.

Wir planen deshalb, im Sommerhalbjahr 2015 rund 8 Nordfledermäuse mit Miniatursendern auszurüsten, um einerseits weitere Quartiere zu finden, andererseits werden wir diese Chance aber natürlich auch dazu nutzen, um mehr über die Lebensraumnutzung und Verbreitung ganz allgemein zu erfahren. Denn auch ausserhalb der Quartiere besteht durchaus ein gewisses Gefährdungspotenzial, sei dies durch Veränderungen in der Landschaft selbst, sei dies durch die Lichtverschmutzung, die gerade in dicht besiedelten und touristisch stark genutzten Gebieten für Fledermäuse zum Problem geworden ist.

Spannende Aufgabenstellungen also, die auch voll und ganz im Zeichen der Biodiversitätsstrategie 2020 des Bundes stehen, in der «Mehr Qualität im Siedlungsraum», sowie die «Erhaltung der ökologischen Infrastruktur» als wichtige Aufgabenfelder formuliert sind, die sich nicht besser wie mit solch konkreten Projekten anpacken lassen. Als wachsender junger Verein dürfen wir durchaus auch etwas stolz sein, hier eine aktive Pionierrolle einzunehmen.

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